Es heißt, dass es in den fernen Bergen Tibets einen verborgenen See gibt. Am Ufer dieses Sees steht ein Baum – ein ungewöhnlicher Baum, aber der See ist noch viel ungewöhnlicher.
Man sagt, wer den Baum und den See findet und vom Baum in den See springt, wird verwandelt. Wenn ein Vogel versehentlich in den See fällt, wird er zu einem Menschen. Und wenn ein Mensch den See findet und vom Baum springt, wird er zu einer Gottheit.
Eines Tages geschah Folgendes: Ein Affe und eine Affin saßen auf diesem Baum. Sie wussten nichts von seiner Kraft. Doch dann kam ein Mann, der nach vielen Jahren der Suche endlich diesen Ort erreicht hatte. Er kletterte auf den Baum und sprang in den See. Als er eintauchte, wurde er zu einer strahlenden, göttlichen Erscheinung.
Natürlich wurden der Affe und die Affin neugierig. Obwohl sie auf diesem Baum lebten, waren sie noch nie in den See gesprungen. Sie zögerten nicht lange und sprangen sofort hinein. Als sie wieder auftauchten, waren sie erstaunt: Sie waren beide wunderschöne Menschen geworden. Der Affe war ein Mann, die Affin eine überaus schöne Frau.
Der Affe sagte: „Jetzt springen wir noch einmal!“ Er meinte, wenn sie es noch einmal täten, würden sie als Götter herauskommen. Die Affin erwiderte: „Hör zu, ob wir noch mal springen sollten oder nicht, weiß ich nicht.“ Frauen sind im Allgemeinen praktischer veranlagt. Sie denken nach, wägen ab und überlegen genau, was sich lohnt und was nicht. Männer hingegen sind oft tollkühn.
Der Affe sagte: „Mach dir keine Sorgen, bleib sitzen und rechne nach. Ich kann nicht darauf verzichten, eine Gottheit zu werden.“ Die Affin entgegnete erneut: „Ich habe gehört, unsere Vorfahren sagten immer: ‚Übertreibung sollte man überall vermeiden.‘ Übertreibung ist verboten. Ist das, was wir erreicht haben, nicht schon genug?“ Aber der Affe gab nicht nach. Wenn er nachgegeben hätte, wäre er kein Affe gewesen.
Er sprang wieder. Und als er auftauchte, war er wieder ein Affe. Das war die Eigenschaft dieses Sees: Einmal hineinspringen bringt Verwandlung. Springt man ein zweites Mal, kehrt man zum Ursprung zurück.
Die Affin wurde zur Königin und eroberte das Herz eines Königs. Der Affe aber wurde von einem Dompteur gefangen. Eines Tages kam der Dompteur mit dem Affen in den Königspalast. Dort sah der Affe seine Affin auf dem Thron sitzen und brach in Tränen aus, als er sich erinnerte. Er dachte: „Hätte ich doch nur auf sie gehört! Hätte ich bloß nicht ein zweites Mal gesprungen!“
Die Königin sagte zu ihm: „Weine jetzt nicht. Merke dir für die Zukunft nur das: ‚Übertreibung ist immer zu vermeiden.‘“
von der Facebook-Seite von Pramod Sharma Ji